Liebe Gemeinde,
im Jahre 1919 sagte der damalige Greifswalder Theologie-Professor Martin Kähler: „Die Evangelien sind allesamt eine Passionserzählung mit einer unterschiedlichen langen Einleitung.“ Das ist eine gute und vollkommen richtige Zusammenfassung der vier Bücher im Neuen Testament. Darauf läuft alles hinaus, das Ziel besteht in Leidensweg, Kreuzigung und Auferstehung unseres Herrn. Seit jeher, auch Paulus wusste es schon, ist das Kreuz Jesu der Aufreger, ein Skandal den einen, eine Torheit den anderen. Heute ist das nicht anders.
Und wenn ich selbst lese, erkenne ich mich persönlich immer wieder in Petrus, als Jesus seinen Weg ans Kreuz ansagt: „Herr, das soll dir doch bitte nicht geschehen.“ Wir denken eben menschlich und sind stolz drauf und verteidigen das, als ob es nichts anderes mehr gäbe. Jesus aber sagt zu ihm: „Hinter mich, Petrus“ (die Übersetzung „Hinweg von mir…“ ist leider radikal falsch!) denn du meinst was menschlich ist und nicht göttlich.“ Was ist denn das Göttliche? Das Lebensopfer und die Hingabe Jesu. Am Kreuz sehen wir die Herrlichkeit des Gekreuzigten. Im Glauben, allein im Glauben schon. Wir sehen, wie Menschen die Liebe kreuzigen. Wir sehen, wie Machenschaften und gemeinsame Interessen derer, die sonst Feinde sind, plötzlich einen gemeinsamen Gegner haben, der weg muss, das schweißt sie zusammen. Wir sehen wie der, der als Jude gelebt hat, auch betend als Jude stirbt. Wir sehen einen, der Jesus von Herzen lieb hat, aber den Druck nicht aushält, als man ihn an den Kragen will: „Du gehörst auch zu ihm.“ Wir sehen, wie nur ein paar bei ihm aushielten, bis zum Schluss. Wir sehen, wie einige aufhetzen und Dinge schreien, die eine vermischte Volksmenge aus Pilgern, Juden, Meinungsführern, Touristen, Schaulustigen bereit willig in der Masse schreit: „Gib Barrabas frei.“ Unsere ganze heutige Welt kommt also in der Passionsgeschichte vor.

Erst langsam geht den Jüngern auf, was geschehen ist. Ein langer Weg ist das für sie. Und wir? Wir vertrauen darauf, dass das Wort Gottes das Seine tut und uns selbst hilft und eröffnet, was geschehen ist. Lasst euch also alle einladen, sieben Wochen lang die Passionsgeschichte täglich zu lesen (am besten Markus und Lukas, für Geübtere auch gerne Matthäus und Johannes, oder eben auch alle vier) Jeder der Evangelisten hat seine Eigenheiten. Ich liebe besonders (nur) bei Lukas, als im Garten Gethsemane ein Engel zu Jesus kommt, ihn zu stärken.
Stellen wir uns also ein, kommen wir an im Lesen: Herr, hier bin ich! Auf diesen andächtigen Meditieren und Nachsinnen liegt ein großer Segen und eine Stärkung des Glaubens, verlassen wir uns darauf, es ist nie ergebnislos. Das Wort Gottes tut das Seine. Bei Nichtverstehen darf man einfach Weiterlesen, weil wir uns an die Hand nehmen lassen und geführt werden, denn schlafend gibt es der Herr den Seinen. Das schönste Ergebnis des Lesens kann der Satz sein, der der Kern aller Passionsgeschichte ist: „Für dich“. So, wie wir es auch im Herrenmahl jedes Mal hören dürfen.

In herzlicher Verbundenheit Euer Pfarrer Jörg Coburger