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Liebe Schwestern und Brüder,

mancher biblische Satz gehört zum Urmaterial der Heiligen Schrift. Ein solcher Satz ist der Seufzer „Ach, Herr, wie lange noch?“ (Psalm 13 u.ö.) Das Jahr 2020 geht mit dem September allmählich der kalten Jahreszeit entgegen, die Ernte ist weitestgehend ein-gebracht. Die seelischen Anstrengungen dieser Zeit haben nicht nur Tugenden wie Hilfsbereitschaft zu Tage gefördert, sondern der Dreifachverlust an Freiheit, Kontrolle und Sicherheit hat manche auch auf Gedanken gebracht, die schon in sich absurd als um wahr sein zu können. Zu meinen unguten Erfahrungen dieser Zeit gehört, dass Ar-gumente und Fragen oft nicht gehört werden und die Gespräche zu einem mehr oder minder polemischen Schlagabtausch werden.

Zunächst möchte ich mein Staunen und meinen Dank aussprechen. Sehr viel Enga-gement und Phantasie wurde sichtbar, das bunte „normale“ Leben auch weitestgehend aufrecht zu erhalten. Das fängt bei Balkon-Konzerten an, Fernseh-Gottesdienste und Musizieren im Netz gehören dazu. Die digitale Technik ist ein großer Segen geworden; nein, ein Ersatz für tatsächliche Begegnung kann sie mitnichten sein. Beten und Seg-nen am Telefon, zugegeben sage ich, lieber praktiziere ich ganz anders, aber wenn sich andere Möglichkeiten nicht auftun, dürfen wir im Vertrauen auf unseren Herrn an solche Wirkmächtigkeit glauben. In dieser Zeit hat sich der Strukturausschuss mit gu-tem Zuhören und viel organisatorischen wie geistlichen Fragen wahrlich zusammenge-rauft; gute Entwicklungen von Frust hin zu guten Fragen haben wir erlebt.

Dass der größte Teil nun dünnhäutig geworden und meist nur noch von Maskenpflicht etc. genervt ist, versteh ich gut. Die Menschen aber brauchen nicht nur Hygiene auf hohem Niveau, sondern auch alles, was die Seele ernährt. Was, wer, ist eigentlich „systemrelevant“? Kirche, Glauben, Jesus Christus? Wer legt das fest? Dazu kommen aber auch Gedanken veröffentlicht, an die ich ganz ausdrücklich ein Fragezeichen ma-chen will. Zum Beispiel, der sog. „lockdown“ wäre nicht nötig gewesen.

Wie lange noch? Ich wünsche mir, dass wir uns auch geistliches Fragen erlauben, denn es ist offenbar eine Zeit der Geduld Gottes. Es geht um seine Geduld, nicht zu-erst um unsere eigene. Ich möchte mich auch nicht mit jenen gemeinsam machen, die entgegen des Rates Jesu nicht zu folgen, die sagen: „Siehe hier und siehe da ist es“ Eine Antwort? Ich habe noch keine, und auf welche Frage hin denn? Wie lange noch? Oder: Wozu? Aber ich möchte auf dem Weg bleiben durchs dunkle Tal mit den hellen Schneisen an Gottes Hand, weil er es zugesagt. (Ps. 23,4)

Mit dem „Gott will…“ bin ich im Laufe meines bisherigen Lebens sehr vorsichtig ge-worden, weil es einen manchmal übel werden konnte, was Gott schon alles angeblich wollte. Nur, wozu er so geduldig ist, das interessiert mich sehr!

In herzlicher Verbundenheit, Euer Pfarrer Jörg Coburger