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Passion

Liebe Schwestern und Brüder,

in dieser Krisenzeit mag ich nicht mit Ausdrücken wie „Jahrhundertereignis“ und „historisch“ arbeiten. Wir haben es nicht nötig, steckt Wahrhaftigkeit dahinter, aufgeblähte Begriffe einzusetzen. Es ist aber eine sehr ernste und überaus gefährliche Situation. Die Trauer um die Verstorbenen, die Angst der Infizierten… Jeden Tag sind die Nachrichten und meist auch mit verantwortlichen und nachdenklichen Details ausgefüllt.
Erstaunlich ist, wie alte Lieder aus ganz anderer Zeit von Dingen sagen, die mir bislang weit, weit weg waren: Pest, Räuber, aber auch: „Mehltau, Frost, Reif und Schloß“. Vor allem das Thema von Sterben und Tod ist als die letzte große Verunsicherung plötzlich wieder aktuell. Auf einmal ist (fast) nichts mehr, wie es war. Kurzarbeit, wegbrechende Märkte, diese Verunsicherung kann panisch und hysterisch machen. Dem Glaubenden aber sind solche Schrecken auch die Aufforderung in die Stille zu kommen. Wie brauchen Menschen, die gute Fragen stellen. Gute Fragen öffnen Türen mitten in verordneter Isolation. Auch die Verwegenheit der Psalmsprache ist eine kluge und taugliche Hilfe, einzustimmen um dann auch eigene Worte zu finden: „Herr, wie lange noch?“ oder „Ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürcht ich kein Unglück, denn du bist bei mir“ u.ä.

Der Leidensweg Jesu steht uns vor Augen. Trotz allem müssen wir den Blick von uns zu ihm wenden und auf den Herrn schauen, nur so finden wir wieder zu uns. Solch eine Passionszeit habe ich noch nie erlebt. An Hebräer 5,7-9 muss ich denken ( Lesung für Judika ) und die Hingabe seines Lebens, um eine Liebesbeziehung zu dir und mir nicht aufzugeben. Ja, aus Liebe sterben. Christus hat es getan. Wir sind ganz auf uns fixiert. Ja, klar, Sorgen und Fürsorge machen das auch nötig, Pflege und Verschiebungen im Alltag. Aber eigene, gerade angstvolle Stunden werden in eine Stille und Ruhe geführt, die höher ist als alle Vernunft. Was wird aus mir? Wird es mich treffen? Wie lange darf ich noch leben? Solche Fragen sind urmenschlich. Aber die Antwort kommt nicht aus unserer Innerlichkeit. Wir müssen sie von Gott erbitten. Könnten wir auch fragen: Was darf ich jetzt lernen? Wohin will Gott uns den Blick lenken? Auch Fragen der Bilanz und der Lebensüberprüfung sind ja dem Kirchenjahr nach gerade jetzt geboten! Wir müssen uns neu kritisch fragen lassen: Wo stehen wir? Und insofern, aber nur insofern auch eine Frage der Buße/Umkehr. Buße ist etwas Menschenfreundliches und Einladendes von Gott an dem Menschen. Er sieht mich in der Perspektive der Liebe, nicht was ich jetzt gerade bin, sondern was ich noch zu werden verspreche. Und weil das Kreuz Jesu der Sieg über alle Todesmächte und ihre Handlanger ist, darf ich auch glauben: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.“ Buße hat aber gar nichts mit den jenen Wirrköpfen zu tun, die sofort wussten, diese Pandemie sei eine „Strafe Gottes“.

Die Krise zur Umkehr:   Was muss und darf ich ändern? Aus welchen falschen Bindungen muss und darf ich heraus? Aber ich ahne, dass Gott neben leisen und zarten Signalen auch andere kennt. Bin ich noch für die Nachfolge und Gottes Ziele brauchbar? Hat uns der Wohlstand hochmütig gemacht? Ich wünsche uns allen heilsame Ent-Täuschungen!

Bleiben wir miteinander und füreinander im Gebet, Euer Pfarrer Jörg Coburger