Bild "Willkommen:wb_altar_300px.jpg"Estomihi 3.3.2019
Pfr. J. Coburgrer über Lukas 10,38-42


Zunächst müssen wir wissen, dass es einer Frau damals nicht erlaubt war, sich in Fragen des Tennach, in theologischen, geistlichen Fragen lehren zu lassen, also zu Füßen eines Rabbis zu setzen. Das wurde ihr vorenthalten. Jede Frau darf Theologie studieren, Reformgemeinden im Bereich des Judentums haben Rabinnerinnen. Was wird Frauen und Männer heute vorenthalten? Was fehlt ihnen, was „dürfen“ sie nicht? Manche würde z.B. gern einmal zu Hause bleiben und sich ganz und die Kinder kümmern, aber finanziell kann sie sich das gar nicht erlauben.

Martha ist die arbeitende Frau. Maria die, die sich hinsetzt. Ist sie deshalb untätig? Vorsicht also mit dem klischeehaften Satz: „Hinsetzt, und nichts macht“

Martha sorgt dafür, dass Jesus überhaupt zu Gast sein kann. Sie macht sich viel Mühe und das wird vom Rabbiner Jesus Christus ganz ausdrücklich anerkannt: „Martha, Martha, du hast dir viel Mühe gemacht.“ Sie kann ja nicht zuhören,  weil jetzt was anderes dran ist. So hat sie ihren Platz entschieden. Was sollte das, wenn Gäste kommen,  setzen sich alle hin, alle huldigen den Tugenden der Maria und die Gäste gingen unbewirtet nach Hause? Stellen wir uns eine Hochzeit oder irgendein Fest so vor, es wäre schlicht und ergreifend lieblos.

Stellen wir uns die Arbeitsalltag mit den Tugenden der Maria vor! Unmöglich! Jemand muss sich abrackern, jemanden muss den Hammer nehmen, jemand muss den Wagen anpacken, jemand sich die Hände schmutzig machen.

Martha ist die Diakonische. Maria steht mehr für die liturgische, anbetende Kirche.  Martha die Arbeitende. Maria ist eher einem hörenden, betenden Mensch gleich.

Jesus wird gefragt und antwortet mit Anerkennung: „Martha, Martha, du hast viel Mühe, aber Maria hat das gute Teil erwählt, das soll ihr nicht genommen werden.“ Nur scheinbar wird eine Bewertung von „besser“ oder „schlechter“ abgegeben. Das gehört zur falschen Wirkungsgeschichte des Textes. Jesus zeigt gerade nicht die falsche Alternative auf, wo das protestantische Arbeitsideal des Industriezeitalters über das Wort Gottes gestellt würde. Eine vita comtemplativa ( Andacht, Versenkung, geistliches Leben ) wird nicht gegen eine vita aktiva ausgespielt. Oder sollte es heißen: Bete und arbeite! Diakonie wird nicht gegen Gebet ausgespielt. Nach dem Prinzip: „Die bei der Diakonie machen wenigstens was!“ Übersehen wir nicht: Wer singt, handelt, wer betet arbeitet.

Wer dient, kann es nur auf Dauer aus der Kraftquelle heraus. Auch den Dienern muss mal gedient werden. Es scheint in Deutschland falsch zu laufen, wenn nur noch an Kirche zu interessieren scheint und eine Daseinsberechtigung hat, was `rauskommt, was man da praktisch an Leistungen empfängt. Die Diakonische Martha-Kirche steht hoch im Kurs, die betende Maria-Kirche ist weniger gefragt. Leistung abfassen zählt. Vielleicht argwöhnen wir, dass sei doch klar: Beides gehöre zusammen: „Man muss auch mal Urlaub haben.“ Und damit Punkt. Nur muss zurückgefragt werden: Ist das wirklich so klar? Sind wir schon dort angekommen, wo wir in versöhnter Gemeinsamkeit mit den Charakteren Martha und Maria leben.

Jesus begeht eigentlich eine Ungeheuerlichkeit. Na gut, was die beispielgebenden Samariter anbetrifft kennen wir das schon von ihm; einen affront jedenfalls gegen die Gesetze der damaligen Zeit, denn es war einer Frau nicht erlaubt, sich zu Füßen eines umherziehenden, lehrenden, Rabbis zu setzen und sich im Wort unterweisen zu lassen. Sie soll sich lieber nützlich machen. Eine Frau war beim jüdischen Gesetzeslehrer nicht nur deplaziert, sondern schlicht verboten. Diese Frau, Maria, bringt Jesus zu Ehren und er ehrt, was sie macht. Dass sie lauscht, ausruht, zuhört. „Nehmt ihr das nicht“ sagt er. Ist damit alles gesagt?

Doch tiefste Pointe ist nicht allein, dass hier zwei verschiedene geistliche Haltungen, die stille Andacht gegen ein praktisches, zupackendes, helfendes Christentum gestellt werden. Vielmehr geht es um das an zwei Schwestern ablesbare verschiedene Haltung zur Person Jesu: Jesus ist für seine Jünger nicht als der Nächste, der Essen oder Unterkunft brauchen kann, sondern ganz und gar als Lehrer und Rabbi des Gottesreiches von ausschlaggebender Bedeutung. Wer alles dransetzt, ihn zu hören, wird darin dem Gottesreich gehorsam, gehörsam. Wer Gottes Wort aufnimmt, liebt darin den HERRN.

Bei Lukas im 8. Kapitel hörten wir vergangene Woche das einzige Gleichnis, dass Jesus auch selbst auslegt. „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren“ heißt es dort.

Martha sorgt dafür, dass der Herr zu Gast sein kann. Maria sorgt dafür, dass der Herr zu Gast sein kann. Das Zuhören macht es. Nur der blindwütige Materialismus unserer Zeit schätzt das Zuhören gering und will immer nur zählbare, rechenbare Ergebnisse zwischen den Fingern, will Sichtbares. Dabei sieht man doch, wie alles, wirklich alles, auch die Kirche, ohne Hören, Lauschen, ohne Meditatio/ Andacht zugrunde geht.

Auch Maria sorgt dafür, dass der Herr mit dem Wort Gottes zu Ehren kommt, mit dem, was sein Ureigenes ist, mit seiner Botschaft. Im Dasitzen und Zuhören lässt sie zu, dass der Rabbi lehren und das Wort sich  ausbreiten kann. Eingangs hatte es auch noch geheißen: Jesus ist zu Gast bei den zwei Schwestern. Das stimmt schon irgendwie. Aber in Wahrheit ist Jesus Christus selbst der Gastgeber. Beide sind die bewirteten Gäste, beide wohnen bei ihm in seinem Wort, er ist es, der das Wort reichlich unter ihnen wohnen lässt. Der Ort allein – auf neuhochdeutsch „die location“ - also das Haus der beiden Schwestern, macht nicht den Gastgeber aus. In Wahrheit sind wir seine Gäste! So wie hier und jetzt, wir an SEINEM Tisch. „Maria hat das gute Teil erwählt, das soll ihr nicht genommen werden.“